Buch-Rezension:

Xing,Jin/ (Texier,Catherine), Shanghai Tango. Mein Leben als Soldat und Tänzerin,

Blanvalet-Verlag, München 2006, 223 Seiten,gebunden 19,95 Euro, broschiert 8,95 Euro

Wir machen uns oft nicht klar, dass mehr als jeder dritte Mensch auf der Welt in Indien oder China wohnt (genau 37%). Jeder, der sich für eine Verbesserung der Menschenrechtslage einsetzt, speziell auch für Emanzipation und gleiche Rechte von Queers, sexuellen Minderheiten, sollte bei aller Freude über verbesserte Rechte in Staaten mit relativ geringer Bevölkerungszahl, nicht übersehen, dass für den nachhaltigen, weltweiten Erfolg entscheidend ist, welches Maß an Toleranz und Gleichberechtigkeit sich in Indien und China einstellt. (1) Zumal beide Staaten im 21.Jahrhundert realistischerweise in die Rolle der führenden Weltmacht aufsteigen können, insbesondere nach einem möglichen Abstieg der Weltmacht USA in Folge der Wirtschaftskrise des Jahres 2008.

Da es aus der Feder eines Bürgers (einer Bürgerin) der Volksrepublik China bisher relativ wenig (übersetzte) Literatur zum Thema gab, ist das 2006 in Deutschland erschienene Buch der Transsexuellen Jin Xing von besonderer Bedeutung.

Jin Xing schildert in ihrer Autobiografie zunächst den den Eltern abgetrotzten Eintritt in die Tanzgruppe der Roten Armee im Jahr 1976 im Alter von 9 Jahren. Schon dort wird die feminine Seite des Jungen erkannt, letzlich aber auch geduldet. Sie lebt dann zunächst als junger Mann homosexuell. Ihren Weg in der sexuell restriktiven Atmosphäre Chinas ("In China ist die gleichgeschlechtliche Liebe ein Tabu. ... das Thema wird nie direkt angesprochen"(S.72)) kann sie auch deshalb gehen, weil sie zu den Weltspitze-Tänzerinnen gehört, der sogar die Ausreise ins nicht-kommunistische Ausland erlaubt wurde. So lebte sie mehrere Jahre in den USA.

Im Blick auf Veränderungen in China aber ist ihre Entscheidung wichtig: "In China bin ich geboren, und in China muss ich als Frau wiedergeboren werden." (S.155). So macht sie sexual-emanzipatorische Geschichte, denn es ist "die erste offizielle Geschlechtsumwandlung in China"(S.88), und man schreibt das Jahr 1995. Trotzdem findet sie in Dr.Yang schnell eine verständnisvolle, offen-tolerante Operateurin, und die gesetzlich-vorgeschriebenen Voraussetzungen sind erstaunlich unkompliziert. Heute lebt Jin Wing mit ihrem deutschen Ehemann Heinz-Gerd und drei adoptierten Kindern im überdurchschnitlich weltoffenen Schanghai. All dies zeigt, dass es heute in China zumindest keine prinzipielle Verfolgung queerer Menschen gibt, auch wenn vielen Chinesen heute dieser Weg noch nicht möglich ist.

Interessant ist dabei die Schilderung der Begegnung mit Schlüsselpersonen auf dem Weg ihrer Selbstfindung, die uns atmosphärisch die gesellschaftliche Stimmung in China zu sexuellen Minderheiten erahnen läßt. Die Vielfalt der Reaktionen zeigt auch, dass in einem Riesenreich mit fast 1,5 Mrd Menschen eine strenge einheitliche Linie kaum durchzuhalten ist.

Neben dem Hauptthema "Sexuelle Minderheiten im heutigen China" erfährt man etwas über das Alltagsleben in der jüngeren chinesischen Geschichte (beginnend mit der Kultur-Revolution), und in recht ausführlichen Schilderungen stellt Jin auch die Probleme und Qualen einer geschlechtsumwandelnden Operation dar. Ebenso ist ihre Aussage nach jahrlangem schwulen Sex als Mann bemerkenswert, dass der Sex als Frau mit Männern beglückender war, auch weil es hier viel weniger um schnellen Sex, "eilig zur Sache" (S.195) kommen, geht.

Auf der letzten Seite macht sie mit einem Satz, der auf eigener Erfahrung und hart erkämpften Erfolgen beruht, allen denen auf der Welt Mut, die z.B. als sexuelle Minderheit unterdrückt werden: "Wir alle haben die Möglichkeit, eine vorgezeichnete Lebensbahn zu verlassen und einen anderen Weg zu wählen, dorthin zu gehen, wo es uns besser gefällt."

Wegen der Singularität des Zentralthemas der Autobiografie und der informationsreichen Darstellung handelt es sich um ein sehr empfehlenswertes Buch, vor allem für den an der weltweiten Lage von Queers Interessierten.

Vgl. die Einbindung dieses Themas in eine allgemeine, umfassende Theorie und systematische Philosophie (der Wirklichkeit) Christlicher Glaube und christliche Ethik unter Einbeziehung postmoderner Relativität, Kapitel 2.4.4.2.1..

Anmerkungen

1) Bei den erfolgreichen UN-Abstimmungen des Jahres 2007 um die Anerkennung von 5 queeren Gruppen (unter anderem der deutsche LSVD und ILGA-Europe) als UN-Nichtregierungs-Organisationen stimmte China jeweils dagegen, und Indien enthielt sich. Im November 2010 stimmte Indien in der UN-Vollversammlung für und China gegen eine - zunächst abgelehnte - Erklärung, die die Todesstrafe für Queers verurteilt. China enthielt sich - das 1.Mal - im Juni 2011 bei einer Erklärung des UN-Menschenrechtsrats gegen die Diskriminierung von Queers. Im Juli 2011 stimmte China gegen und Indien für die Verleihung des UN-Beraterstatus (im UN-Wirtschafts- und Sozialrat ECOSOC) an den queeren Welt-Dachverband ILGA. Im September 2014 enthielten sich China und Indien im UN-Menschenrechtsrat bei einer Resolution, die zu Maßnahmen gegen die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identiät aufruft.
In China wird seit 1997 homosexueller Geschlechtsverkehr unter Erwachsenen nicht mehr bestraft. Der entsprechende Straf-Paragraf wurde in Indien im Juli 2009 durch das oberste Gericht aufgehoben.

Besonders bemerkenswert ist seit dem Jahr 2008 das fast explosionsartige Auftreten von Queer-Pride-Veranstaltungen in beiden Ländern.

War der Vorreiter in Indien das immer schon intellektuell führende Calcutta mit einer kleinen Pride-Veranstaltung 1999, die immerhin 2005 als Rainbow-Week gefeiert wurde, so begannen die eigentlichen Queer-Prides im Jahr 2008, so dass 2009 in den 4 großen Städten des Landes - oft zum 2.Mal - größere Pridemärsche und -verantstaltungen durchgeführt wurden, wobei 2010 weitere Städte hinzukamen:

Seite aller Indien-Prides;

Delhi-Pride;

Mumbai(Bombay)-Pride-Azadi;

Mumbai-LGBT-Filmfestival (seit 2010);

Mumbai, queer;

Calcutta: Kolkata Gay Pride;

Bubaneshwar, Rainbow Pride Walk;

Bangalore-Pride;

(Madras) Chennai-Pride.


Queere Zeitschriften:

Pink Pages India;

Bombay Dost.

Und auch in Chinas traditionell liberalster und intellektuellster Stadt Shanghai fand im Jahr 2009 der erste Pride Chinas statt, der trotz gewisser Einschränkungen auch von der offiziellen Presse Chinas positiv gewürdigt wurde: Shanghai-Pride.

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